Ein paar Anmerkungen zur „unsichtbaren Hand des Marktes“

von Michael Schwab

Anscheinend entwickelt sich gerade eine kleine Debatte um Planwirtschaft und grundsätzliche Alternativen zur Marktwirtschaft. Es soll hier deshalb ein kleiner Kommentar zum Sammelband „Die unsichtbare Hand des Plans“ folgen, der vor kurzem im Dietz-Verlag erschienen ist.

Die Autoren untersuchen darin die Planungsprozesse im digitalen Kapitalismus mit besonderem Augenmerk auf neue, digitale technische Möglichkeiten. Die Beobachtung, dass Unternehmen wie Ikea, Walmart oder Amazon einerseits durch ihre schiere Größe zur kritischen Infrastruktur werden und andererseits Planungsprozesse durch Machine Learning bis zu einem Grad weiterentwickelt werden, dass Kundennachfrage zielsicher antizipiert werden kann, setzen die sozialistische Phantasie in Gang. Das chinesischen Modell scheint es derweil gelungen zu sein, die Vorzüge zentraler Planung mit der Flexibilität des Kapitalismus zu paaren. Der Klappentext stellt daher die Frage: „Ließen sich die neuen Technologien nicht nutzen für eine Zukunft jenseits des Kapitalismus? Und wenn ja, wie?“

„Die kybernetischen Maschinen des Kapitals und ihr vermeintliches Lösungspotenzial“, schreiben die Herausgeber Timo Daum und Sabine Nuss, „geben also Anlass, alte Fragen neu aufzugreifen und vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen eine Neuauflage der ‚sozialistischen Planungsdebatte‘ anzustoßen.“

Es finden sich in dem Band durchaus einige interessante Analysen und Kritiken des real existierenden Planungskapitalismus und -sozialismus, insbesondere auch zum hybriden chinesischen Modell. So schreibt Timo Daum, um nur ein Beispiel zu nennen, über „das neue Planen“ in China, dies sei „keinesfalls eine Rückkehr zum alten Plan, zur dirigistischen Planwirtschaft, sondern ein kybernetisches, datengetriebenes Echtzeit-Regime. Im Vergleich zu Planwirtschaften in der Sowjetunion oder in Chile zu Zeiten von Cybersyn spielen diese Plattformunternehmen, was Datenmenge und planerische Detailtiefe angeht, in einer anderen Liga. Auch auf der Zeitachse liegen Welten zwischen dem Fünfjahresrhythmus der Sowjetunion, den Quartalszahlen in der traditionellen Wirtschaft und selbst den täglich übermittelten Betriebsdaten bei Cybersyn: Heute werden planrelevante Daten im Millisekundentakt aktualisiert und in Echtzeit in die Erstellung eines neuen Plans eingespeist.“.

Es finden sich weiterhin Artikel zum Kybernetiker Georg Klaus, zur ökologischen Planwirtschaft, zu Amazon, Datengenossenschaften, den Commons, usw.

Um jedoch etwas unhöflich gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Es fällt leider auf, dass in den rund 260 Seiten ein Aspekt, der in der Frage nach Planwirtschaft eine wichtige, vielleicht sogar zentrale Rolle, spielen sollte, so gut wie gar nicht auftaucht. Die Rede ist von der Arbeitszeitrechnung, die in keinem der drei Abschnitte des Buches auftaucht, weder in „Theorie und Geschichte“, noch in „Planung im digitalen Kapitalismus“, noch in „Planung jenseits des digitalen Kapitalismus“.

Die grundsätzliche Frage, ob Geld, Ware und Kapital durch einen zentralen Planungsmechanismus ersetzt werden kann, der sich auf materielle Güterbilanzen stützt (und in Kilogramm, Liter, Meter, etc. rechnet), oder ob eine sozialistische Planwirtschaft über eine Recheneinheit verfügen sollte, die unterschiedliche Produkte durch einen gemeinsamen Maßstab vergleichbar macht (Arbeitszeit), wird in diesem Buch nicht behandelt, wie überhaupt die Warnung vor dem Auspinseln zukünftiger Gesellschaften über der Entdeckung konkreter (!) Utopie die Oberhand behält.

Der bedauernswerte blinde Fleck des Sammelbands zeigt sich bereits in den geschichtlichen Abschnitten des Sammelbandes, in den immer wieder verstreut auftauchenden Bezugnahme auf die historische Planungsdebatte („socialist calculation debate“). Diese wurde ab den 1920er Jahren unter anderem von Ludwig van Mises und Friedrich Hayek gegen die Vertreter sozialistischer Planung geführt.

Hier finden etwa die Positionen der Gruppe Internationaler Kommunisten (GIK) keine Erwähnung, die sich eben auch in diese „socialist calculation debate“ eingemischt und in schärfster Ablehnung der bolschewistischen wie sozialdemokratischen Wirtschaftsauffassungen und mit engen Bezügen zu Marx eine Alternative ausformuliert haben. Ihre Alternative besteht, um nur einige Schlagworte zu nennen, in dezentraler kommunistische Planung auf Grundlage betrieblicher Autonomie, demokratischen Rätekongressen und Arbeitszeitrechnung. Mehr noch als andere Rätekommunisten haben sie auf die Assoziation freier und gleicher Produzenten Wert gelegt.

Diese dritte Möglichkeit, jenseits von Kapitalismus und Staatssozialismus über Planung nachzudenken, wurde erst im vergangenen Jahr durch eine Wiederveröffentlichung eines rätekommunistischen, vergessenen Klassikers wieder ins Gedächtnis gerufen,1 kam jedoch offensichtlich nicht bei den Buchautoren an.

So wird auch im Sammelband-Beitrag über Marx die Arbeitszeitrechnung mehr als stiefmütterlich behandelt. Zwar wird erwähnt, dass Marx der Auffassung war, dass in einer sozialistischen Übergangsgesellschaft zum Kommunismus „wie in der kapitalistischen Ökonomie Arbeitsquanten verglichen“ werden müssten, doch dieser Gedanke wird weder in diesem noch in den anderen Aufsätzen weiterverfolgt. Es scheint, als ob die Marxsche Zurückhaltung noch zwei Jahrhunderte später als Argument dienen soll, sich über eine Alternative nicht allzu genau Gedanken zu machen.

Das Fehlen einer konkreten Utopie wird auch deutlich im letzten und längsten Teil des Buches, der sich mit „Planung jenseits des digitalen Kapitalismus“ befasst. Bis auf den Beitrag von Jan Groos und im geringeren Maße von Jens Schröter gibt es kaum Versuche, zumindest eine skizzenhafte Konzeption einer modernen Planwirtschaft und sozialistischer Wirtschaftsrechnung zu entwerfen.

Groos stellt ganz richtig fest: „Es ist schlicht zu viel verlangt, hierzu [zur wirtschaftlichen Organisation im Sozialismus] zu schweigen und gleichzeitig zu erwarten, dass breite Massen an Menschen die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse bereitwillig und freudig hinter sich lassen.“ Er betont dagegen die über die Kapitalismuskritik hinausgehende Frage: „Wie machen wir es denn dann?“. Um diese Frage zu beantworten, stützt er sich im Wesentlichen auf die von Daniel E. Saros entwickelte Idee einer sozialistischen Planwirtschaft, die Nachfrage nach Produkten über ein internetbasiertes Ranking in Gebrauchswertproduktion übersetzt.

Dass dieses Modell – und nicht das Arbeitszeit-Modell der GIK – das prominenteste, eigentlich einzige, Positivbeispiel dieses Buches ist, ist etwas traurig aus mindestens drei Gründen. Einerseits, weilDaniel E. Saros im September 2020 öffentlich seine Hinwendung zum wirtschaftlichen Liberalismus und Abwendung von seiner radikalen Wirtschaftsforschung bekundet hat und kurzerhand die Materialien zu seinem Modell von seiner Homepage gelöscht hat. Zweitens, weil man den Eindruck bekommt, dass viele Autoren des Bandes etwasschematisch Anleihen bei Evgeny Morozov nehmen, der in einem Aufsatz von 2019 ebendie „socialist calculation debate“ und Daniel E. Saros in den Mittelpunkt stellt.Und drittens, weil Saros auf sehr ähnliche Fragen Antworten suchte, wie die GIK, seine Antworten aber (offensichtlich auch für ihn selbst) wenigerüberzeugend ausgefallen sind.

Es sei noch bemerkt, dass das Ignorieren der Arbeitszeitrechnung auch deshalb erstaunlich ist, als sie bei Klassikern des „Computer-“ oder „Cybersozialismus“ jüngeren Datums eine zentrale Rolle spielte. So bei Autoren wie Cockshott & Cotrell („Towards A New Socialism“) oder Heinz Dieterich („Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts“).

Es ist hier nicht der Ort, um auf die großen Unterschiede zwischen dem rätekommunistischen Modell der GIK und den diversen cybersozialistischen Modellen einzugehen. Es soll hier genügen, darauf zu verweisen, dass die cybersozialistischen Modelle zu einem zentralen, potenziell enorm einflussreichen (demokratischen) Staat tendieren, der Arbeitszeitwerte berechnet sowie Produkt- und Arbeitsallokation durchführt. Im Modell der GIK dagegen sind die einzelnen oder assoziierten Betriebsorganisationen die (dezentralen) Akteure der Wirtschaft, die eigenständige Entscheidungen treffen und individuelle Produktionspläne ausarbeiten. Es ist den Produzenten selbst überlassen, ob und in welchem Maße sie sich mit anderen Betrieben zusammenschließen und Budgets für gemeinschaftliche öffentliche Betriebe bestreiten wollen. Die Initiative und Verantwortung liegt hier wesentlich bei den Betrieben, die auch selbst wesentlich an der Durchführung der Arbeitszeitrechnung beteiligt sind. Diese Idee dezentraler Produktionspläne, die sich auf der gemeinsamen Grundlage der Arbeitszeitrechnung koordinieren, unterscheidet das Modell der GIK übrigens auch von allen anderen rätekommunistischen Modellen, denen ein zentraler durchzusetzender „Masterplan“ als Herzstück der Ökonomie vorschwebt.

Das Modell der GIK wäre mit Groos, der damit eigentlich E. Saros‘ System beschreibt, treffend als „distribuierter Sozialismus“ zu bezeichnen: „Es ist ein distribuiertes, also verteiltes System, das zwar zentralen Zielen dient, der Bedürfnisbefriedigung aller, in dem aber die Koordination und Umsetzung der eigentlichen Produktion verteilt über die vielfältigen Arbeiterräte stattfindet.“

Am Ende des Buches überwiegen die (zum Großteil wohl berechtigten) Bedenken gegenüber diverse Cybersozialismen. Die Kritikpunkte lauten etwa: Probleme der Kontrolle zentraler Macht, technologischer Solutionismus, Technik- und Cyberfetischismus, Verwaltete Welt 2.0.

Es reflektiert sich in diesem Sammelband die aktuelle gesellschaftliche Erfahrung, dass, wo keine konkreten Utopien ersichtlich, am Ende nur die negative Kritik, ein „grüner“ oder sonstwie reformierter Kapitalismus, bleibt.2 Diese Buchbesprechung darf als Einladung gelesen werden, das Modell der GIK genauer unter die Lupe zu nehmen. Es scheint sich dabei um ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Modell dezentraler und demokratischer kommunistischer Wirtschaftsorganisation zu handeln – jedenfalls ist bisher noch keine überzeugende Kritik daran vernehmbar geworden.

Daum, Timo/Nuss, Sabine: Die unsichtbare Hand des Plans. Koordination und Kalkül im digitalen Kapitalismus, Dietz Verlag Berlin, 2021, 268 Seiten

Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland): Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, Red & Black Books Hamburg, 2020, 332 Seiten


1Es handelt sich um die 2020 zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienenen „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“ der rätekommunistischen Gruppe Internationaler Kommunisten Holland (GIK) in der zweiten Ausgabe von 1935. Die erste, im Original deutschsprachige, Ausgabe von 1930 wurde bereits in den 1970er Jahren mit einem Vorwort von Paul Mattick wiederveröffentlicht.

2Herausgeber Timo Daum wurde in einem Podcast von Jan Groos zu möglichen Alternativen zum Kapitalismus gefragt, konnte aber nur mit vielsagendem Schweigen antworten. An anderer Stelle im Interview erklärte er, dem grünen Kapitalismus die Daumen zu drücken.